Das aktuelle Qltur-Essay.


Essay "Qltur 2007"


Über den Glauben

Bevor ich auf den Glauben zu sprechen komme, ein Wort der Warnung: dieser Text soll keine Anleitung sein. Wer nur hören will, was er zu tun hat, damit er in den Himmel kommt oder glücklich wird, wende sich an eine der zahlreichen religiösen Organisationen. Die Aufgabe dieses Textes ist es, dem Leser Fragen zu stellen, die er sich selbst beantworten muss. Der Leser erhält hier nur Denkansätze, keine endgültigen Antworten, und muss seinen eigenen Verstand gebrauchen.

Definieren wir Glauben als persönliche Auffassung eines Individuums über einen nicht zu beweisenden Sachverhalt.

Definieren wir Religion als eine institutionell gestützte deistische Glaubensrichtung, der einige Menschen freiwillig oder unfreiwillig folgen.

Religion wurde und wird auch außerhalb bestehender Kirchen oder religiösen Organisationen kritisch untersucht. Um einen deutlichen Bruch mit deistischen Systemen zu schaffen, klassifiziere ich jede noch so humanistische Strömung, die die Größe "Gott" als existent verlangt, als religiös. Es soll dies keine Wertung sein, insbesondere nicht einzelner religiöser Organisationen. Die Absicht hinter dieser Unterscheidung liegt darin, den persönlichen Glauben nicht als Religion zu interpretieren.

Es gibt drei Ebenen des Glaubens, die nicht gleich sein müssen, aber bei jedem Menschen untrennbar verbunden sind:

Der offizielle Glaube wird bestimmt durch äußere Umstände, z.B. durch die Eintragung in den Personalausweis (Angabe der Konfession) oder die Abstammung (Geburt durch eine jüdische Mutter).

Der virtuelle Glaube ist der tatsächliche Glaube einer Person. Dieser ist es, um den es in diesem Text vornehmlich geht.

Der gelebte Glaube schließlich ist der im Alltag durchgeführte und ihn bestimmende Glaube.

Diese drei Ebenen sind im Idealfall identisch. Besteht zwischen ihnen eine Diskrepanz, kann dies zu äußeren oder inneren Spannungen führen. Daher sollte es Ziel des Menschen sein, seinen virtuellen Glauben stets zu prüfen, ihn nach Kräften zu leben und offiziell dazu zu stehen. Setzen wir bei den folgenden Überlegungen dieses Ziel als gegeben voraus.

Religion ist zwangsläufig deistisch. Glaube ist nicht zwingend deistisch, aber auch nicht grundsätzlich atheistisch. Da eine angenommene göttliche Existenz ihrem Wesen nach für den Menschen nicht begreifbar ist, erübrigt sich auch die Frage nach ihrer Existenz oder ihrem Willen.

Der religiöse Mensch ist kraft seiner Religion dazu gezwungen, bei einem Dogma festzuhalten, ob er dieses noch vertreten kann oder nicht. Aus den vielen und oft gegensätzlichen Interpretationen einer "heiligen Schrift" ergeben sich in religiösen Systemen zudem Splittergruppen, die sich schlimmstenfalls als die "Auserwählten" betrachten. Diese sehen es teilweise auch als ihr Ziel, andersgläubige Menschen zu bekehren oder zu bekämpfen. Daraus ergibt sich, dass der offizielle Glaube, sofern er ein religiöser ist, bestimmend für den virtuellen Glauben ist, indem er ihm einen Rahmen setzt.

Der glaubende Mensch kann an eine göttliche Existenz glauben, sie als nicht existent sehen oder sie ignorieren. Er kann diese Entscheidung jederzeit ändern, wenn er zu neuen Erkenntnissen kommt. Somit besteht kein Grund, sich allein als "Auserwählten" zu sehen, aber das Recht, mit seiner Meinung von der eines anderen glaubenden Menschen abzuweichen. Es kommt dabei nicht darauf an, wessen Überzeugung wahr ist, sodass Bekehrung unnötig ist. Im Gegenteil kann durch den Dialog mit anderen glaubenden Menschen der eigene Glaube neue und wichtige Erkenntnisse erlangen. Diese können einen dem grundsätzlichen Ziel des Glaubens näher bringen: das eigene Leben besser zu verstehen und zu erahnen, welchen Nutzen man für sich und die Gesellschaft haben kann.

Somit ist der virtuelle Glaube vom offiziellen nichtreligiösen Glauben insofern unabhängig, als letzterer keinen Rahmen vorgibt. Die Begrenzung des virtuellen Glaubens erfolgt allein durch den eigenen Willen.

Im Rahmen Aufopferung bis Egoismus kann der Mensch viele Positionen einnehmen, und niemals ist er gezwungen, genau an einer Stelle der Skala zu verweilen.


Der gleichgültige Gott

Nehmen wir - hypothetisch - den Pantheismus als wahr an. Den Begriff "Gott" zu verwenden, wäre kulturelle Gewohnheit. Sollte es eine schöpferische Kraft geben, so ist sie gleichgültig. Diese Kraft mag in diesem Modell das Universum erschaffen haben. Aufgrund der Naturgesetze, die es steuern, entstand die Erde. Die Evolution entwickelt sich selbst, ohne dass eine göttliche Macht eingreifen müsste. Hält man dagegen, was der Mensch in der Natur alles unwiederbringlich vernichte, so muss man in geologischen Zeiträumen denken.

Wird es in zehntausend Jahren noch Menschen geben?

Wenn ja, werden sie und die Natur sich nicht den veränderten Lebensbedingungen selbst angepasst haben?

Klimaänderungen, radikale Einschnitte in Lebensräume und Massensterben sind in der Millionen Jahre alten Geschichte der Evolution nichts Ungewöhnliches. Und immer wieder hat es das Leben geschafft, wie gesagt ohne messbaren oder erlebten göttlichen Eingriff, sich selbst zu erhalten.

Jeder Mensch wird mit eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten geboren. Er kann sie nutzen, um sich und die Welt ein wenig zu verbessern, angenehmer für sich und andere zu gestalten. Oder sie verkümmern lassen, in der Hoffnung, "Gott" werde schon alles richten bzw. das Schicksal sei nicht abzuwenden.

Wollte man an eine Existenz nach dem Tode glauben, wären zwei Möglichkeiten denkbar. Die eine wäre eine dualistische Vorstellung von Himmel und Hölle, erstere für die "Guten", letztere für die "Bösen". Pech für jene, die knapp unter der Trennlinie stehen, denn auf sie warten ewige Strafe und Qual.

Die andere wäre ein gemeinsames, allumfassendes Totenreich. Wenn man überhaupt an Strafe für seine Verfehlungen glauben möchte, so ist es doch gerechter davon auszugehen, das jeder bekommt, was er verdient. Und sollte es im Jenseits Richter geben, urteilen sie nicht nur nach dem Sachverhalt, sondern auch nach dem Motiv, setzen Bewährung aus etc. Unabhängig von irdischer Gerichtsbarkeit sollte man sich im Zweifelsfall von vorneherein im Leben sozial verhalten. Nur um sicherzugehen.

Alle großen Religionen gehen davon aus, dass es zwischen Gott und Mensch eine enge Verbindung gebe oder geben sollte. Manche neuere theologische Ansätze versuchen die miserablen Zustände in der Welt und das "Böse" im Menschen dadurch zu erklären, dass der Mensch von Gott getrennt sei. Daraus ergibt sich allerdings wieder ein Zwang. Der Mensch sei nicht nur in einer von Gott geschaffenen, also dominierten Welt, er habe auch keinen anderen Weg zum Glück, als wieder mit Gott vereint zu werden. Die Gottesabhängigkeit, die eigentlich durch neue theologische Forschung abgeschwächt werden sollte, wird nur noch verstärkt. Der Mensch als eigenständiges Wesen sei nur die unvollkommene Vorstufe des "erlösten" Menschen im jenseitigen "Reich Gottes". Damit widerspricht sich auch jede Behauptung, der Glaube an einen "jenseitigen" Gott sei überholt, wenn man Gott als Teil der Welt ansieht.


Der nicht-deistische Gottesdienst

Der Begriff des "Gottesdienstes" ist gleich zweifach widersprüchlich, wenn man von einem allmächtigen und allwissenden Gott ausgeht. Der allmächtige Gott braucht nicht den Zusammenhalt der Gemeinde, um existieren und wirken zu können. Dem allwissenden Gott muss man nicht mit der Teilnahme an Riten seinen Glauben beweisen.

Ein Zusammentreffen glaubender Menschen sollte eher eine Diskussionsrunde mit unparteiischem Moderator sein. Die Mitglieder tauschen sich über ihren Glauben aus, ohne andere bekehren zu wollen. Ein solches Forum könnte dem Einzelnen neue Sichtweisen eröffnen, die er für sich reflektieren und anpassen kann. Es wäre somit ein Gegensatz zum Gottesdienst, in dem ein Pastor anhand eines Buches der Gemeinde erklärt, was Gott von uns erwartet. Dass der Wille eines göttlichen Wesens für den Menschen nicht begreiflich sein kann, wurde bereits im Anfang dieses Textes erwähnt.

Individualismus ist wichtig. Jeder kann sich für oder gegen den Kontakt mit anderen entscheiden, und es bleibt jedem überlassen, anderen zu helfen. Will man anderen helfen, so muss es eigener Entschluss sein, nicht weil Gott es befohlen hat oder man sich in den Himmel hocharbeiten will.

Falls jemand fragt, wie er leben sollte, kann man höchstens sagen: lebe so, dass du anderen nicht schadest, aber auch dir nicht. Dieser Text soll keine Anleitung sein. Religionen können den unsicheren Menschen vom Denken befreien, indem sie sagen: tu genau das, dann wird's schon gehen, denn Gott hat's befohlen. Der glaubende Mensch hat diese Führung nicht. Er muss sich und andere immer wieder fragen, was für ihn und seine Umwelt das Beste ist. Und glauben heißt auch immer zweifeln.