Nachts im Park [2002]

Es war kurz nach Mitternacht, als ich durch den verlassenen Park schritt. Die schwarzen Zweige der kahlen Winterbäume reckten sich in den sternklaren blauen Nachthimmel, und der Mond ließ sein fahles Licht durch das hölzerne Netz tropfen. Ich zog meinen Mantel noch einmal zurecht und ließ meine bloßen Hände tiefer in die Taschen gleiten, während meine Stiefel den Schnee leicht aufwirbelten. Langsam biß auch die Kälte in mein Gesicht, und mein warmer Atem ließ meine Brille beschlagen. Kein Geräusch als das Knirschen des Schnees unter meinen Stiefeln. Kein Mensch begegnete mir im Park. Wie denn auch, sagte ich mir, sie sitzen alle in ihren warmen Häusern oder stürzen sich blindlings ins Nachtleben. Ein Geräusch ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Ein leises Röcheln, wie von einem Erstickenden. Wie aus dem Nichts schob sich eine dunkle Wolke vor den Mond, und schlagartig verfinsterte sich die Umgebung. Das Röcheln, schon näher, schien hinter einer knorrigen Eiche seinen Ursprung zu haben. Ich hätte meinem Verstand nachgehen sollen, der weiterging und sich schnell entfernte, doch eine mir unbekannte Macht zog mich näher zu dem Geräusch, das ich jetzt eindeutig als keuchenden Atem erkennen konnte. Ich trat um den Baum. Natürlich konnte ich mir nur vorstellen, wa ich finden könnte, doch hiermit hätte ich nie gerechnet. Ich sah - nichts. Schon wollte ich mich wieder auf den Weg machen, als etwas meine Schulter berührte. Mit einem Aufschrei fuhr ich herum und erblickte einen Mann, der mir verwitterter erschien als das älteste Gebirge. Bleiche Haut spannte sich trocken über den Schädel, und als er die knochige Hand von mir zurückzog, formten die blutleeren Lippen die Worte: "Du gehörst zu uns."
Nichts kann beschreiben, welcher Schrecken mich durchfuhr. Ein roter Tropfen hing ihm am Mundwinkel, und bei genauerer Betrachtung stellte ich fest, daß es sich um Blut handelte. Er grinste mir entgegen, wobei er mir seine spitzen Eckzähne offenbarte, und krächzte: "Du wirst tun, was wir von dir verlangen, weil es deine Bestimmung ist." Es klang, als spreche er zu sich selbst, und doch, als befehle er mir. Ich fand die Kraft zu fragen, wer er sei und was er wolle. "Nenne mich wie du willst. Es spielt keine Rolle mehr, denn meine Zeit ist bald gekommen und du bist mein letzter Auftrag. Laß uns gehen." Ohne es zu wollen, folgte ich seinem schlurfenden Schritt, und mir fiel auf, daß er nicht zu atmen schien - kein Hauch war in der kalten Luft zu sehen. Der Mond schien wieder, und die Schatten der Zweige schufen seltsame Muster auf der pergamentenen Haut des Fremden. "Du hast Recht, wenn du glaubst, wir seien die, die ihr Vampire nennt. Aber es gibt manches, was du erst noch lernen wirst. Es gibt viele Gruppen, die du kennenlernen wirst - vielleicht sogar persönlich," fügte er mit seinem widerlichen Grinsen hinzu. Wir waren einige Schritte weitergegangen, als er abrupt wieder ernst wurde. "Wir, unsere Gruppe, hat Regeln, die für dich wichtig sein werden. Die wichtigste ist, daß nur die uns entdecken, die wir auswählen. Und wir ernähren uns niemals, vergiß es nicht!" Er blieb stehen und packte meinen Arm mit stählernem Griff. "Niemals ernähren wir uns von menschlichem Blut. Vergiß, was du über uns gehört hast. Manche Gruppen saugen euch aus, das ist wahr, aber wir trinken nur von Tieren. Unsere Verbündeten," fuhr er fort, "ernähren sich von den Mördern oder beenden das Leben von Todkranken. Aber unsere Gruppe nicht. Merke es dir." Noch immer hielten seine Finger mich in ihrem Griff, als ich fragte, ob es neben Verbündeten nicht auch Feinde gebe. "O ja," murmelte er mit finsterem Blick. Dann zeigte er das erste Mal seit diesem Treffen ein Lächeln und öffnete meine Hand. Ich konnte nicht anders, als in seine Augen zu sehen, als er etwas hineinlegte und meine Finger darum schloß. "Aber wir sind wohl auf derselben Seite." Er ließ meine Hand los und stapfte zurück in die Dunkelheit, aus der er gekommen war. Ich hörte ihn leise pfeifen, bis ich wieder allein in der Stille war. Ich öffnete die Faust und blickte auf zwei Gegenstände hinab. Der eine war ein Zettel mit einer Adresse und einem Datum. Den anderen steckte ich in meine Manteltasche, als ich weiter ging.

Die schwarzen Zweige der kahlen Winterbäume stachen in den Nachthimmel, und der Mond schien durch das Geflecht. Erneut blieb ich stehen und fischte den Gegenstand aus meiner Tasche. Er blitzte kalt im Mondschein.
Es war ein kleines silbernes Kreuz.